Halma

Kalter Rauch hing in den Sesselpolstern und Gardinen. Seit Monaten herrschte Rauchverbot, aber niemand lüftete den karg möbilierten Aufenthaltsraum der Station 7 –Onkologie- des Städtischen Krankenhauses ausreichend. Die Patienten Anton und Otto, beide im Rentenalter, hatten sich an den Geruch gewöhnt. Jeden Morgen nach der Visite und der folgenden Infusionstherapie saßen sie mit ihrem Halmaspiel in der braunen Sitzecke. Die Farbe der Figuren wechselten sie jeden Tag. Das Spielbrett zwischen sich auf dem Tisch beugten sie sich schweigend voll Konzentration über ihr Spiel. An diesem Tag gehörten Anton die roten und Otto die gelben Steinen.

Anton hatte eine lange Sprungfolge aufgebaut, über die er in kurzer Zeit viele Figuren über das Spielfeld springen ließ.

„Hätte ich so leichtfüßig, fast schwebend, durch mein Leben springen können, wie wäre es dann verlaufen? Sich jetzt erheben und davon gleiten zu können, wäre schön. Nicht den langen, qualvollen Weg gehen zu müssen, der vor nir liegt.“

Bei dem Gedanken an den Tod schwankte Anton zwischen der Hoffnung auf einen letzten Sprung. Zack. Der Übergang war geschafft und dem Wunsch, genau dieses Hinüberwechseln bewußt zu erleben, ohne Beeinträchtigung durch starke Schmerzen oder einen Morphiumrausch.

Noch sprangen die Figuren.

Antons Gedanken wanderten in die entgegengesetzte Richtung. Ein klares Bild tauchte auf: Er stand als Zehnjähriger an einem sonnigen Tag zu Beginn der Sommerferien auf dem 3-Meter-Brett des Sprungturmes im Freibad seiner Vaterstadt. Auf seiner Badehose trug er stolz das Freischwimmer- und seit wenigen Tagen auch das Fahrtenschwimmer-Abzeichen. Seine Mutter hatte es ihm sofort nach der bestandenen Prüfung auf die Hose nähen müssen.

Er fühlte Stolz und Angst dort oben an der Kante des Sprungbrettes. Er schaute hinunter in das Becken. Es war eine Mutprobe. Jeder aus der Clique, sechs Jungen, musste einen Kopfsprung vom 3-Meter-Brett machen. Er war der erste. Alle sahen zu ihm hinauf.

„Los. Worauf wartest du?“

„An-ton, bist du angewachsen?“

Er schloss die Augen, ging in die Knie, hob die Arme über den Kopf und ließ sich fallen. Klatsch. Der rote Abdruck auf seinem Bauch brannte wie Feuer, als er aus dem Becken stieg. Er biss die Zähne zusammen. Keine Träne verriet den lachenden Freunden seine Pein. Es erging ihnen nicht besser. Nur einer, sein bester Freund Herbert, bewältigte die Aufgabe mühelos.

Herbert. Herbert war auch nicht mehr. Er war immer gut gesprungen, erst in der Schule, dann im Beruf. Das Lernen fiel ihm leicht. Er übersprang eine Klasse und ging gleich nach dem Abitur zum Studium in die USA, um der Verpflichtung zum Wehrdienst, der ihm sinnlos erschien, zu entgehen. Lieber profitierte er von der Vorreiterrolle Amerikas in den Naturwissenschaften. Herbert blieb in den USA. Mit seiner Frau und den Kindern Amie und Paul lebte er in San Francisco, während er im Silicon Valley in der Forschung und Erprobung von Microprozessoren arbeitete. Die Gemeinsamkeiten aus den Kindertagen waren aufgezehrt, neue gab es nicht. Anton und Herbert verloren sich aus den Augen, der Kontakt brach ab.

Bei dem Klassentreffen zu ihrem 40järigen Abitur erfuhr Anton von einem ehemaligen Klassenkameraden, der geschäftlich oft in die USA reiste, Herbert war im Jahr zuvor als Pilot mit seinem Privatflugzeug in ein Unwetter geraten. Beim Absturz starben er und seine Frau. Ein turbulentes, schnelles Leben bis zum Schluss.

Anton hatte seinen Freund lange beneidet. Alles schien Herbert mühelos zu gelingen. Später begriff er, Herbert hatte wenig Zeit. Er selbst konnte geruhsamer durch sein Leben gehen. Auch sein Sterben würde länger dauern. Otto riss ihn aus seinen Gedanken.

„Du bist am Zug.“

„Entschuldige.“

Nach kurzer Konzentration auf das Halma-Spiel schweiften Antons Gedanken erneut ab.

Die Spannung, eine Mischung aus Erwartung, Aufregung und Angst , bei seinem zweiten Sprung, dem großen Wagnis in seinem damals relativ jungen Leben, konnte er in der Erinnerung bis heute spüren. Er hatte sich aus dem vom Vater vorgegebenen Lebensplan verabschiedet. Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Jurastudiums erwartete der Vater seinen Eintritt als Juniorpartner in seine Anwaltskanzlei. Dieser sichere Weg war lange vorgezeichnet gewesen und er hatte ihn als gegeben hingenommen. Je weiter das Studium voranschritt, je länger ersich mit der trockenen Materie Jura beschäftgte, desto größer wurde sein Widerwille, den er sich selber nur schwer und dem Vater gar nicht eingestehen konnte. Die Feier, die sein Vaterzu seinem Abschluss ausrichtete, wurde zur Qual. Er konnte der Realität nicht länger ausweichen. Er würde nie als Anwalt gut und erfolgreich arbeiten können. Er musste mit seinem Vater reden, ihm den Schock zumuten. Der Vater verstand nicht, warum sein Sohn das Lebenswerk nicht fortsetzen wollte, die gebotene sichere Lebensgrundlage ablehnte, um Entwicklungshelfer zu werden. Aus seiner Sicht ein sozialer Abstieg.

Es dauerte Jahre, den Bruch zwischen Vater und Sohn zu kitten. Zum Glück stieg Antons jüngere Schwester Katharina in die Kanzlei ein und führte sie noch zu Lebzeiten des Vaters sehr erfolgreich.

Die Figuren sprangen, während Anton an die Projekte dachte, die er für die Welthungerhilfe in Afrika und Südame- rika geleitet hatte. Die harte, sinnvolle Arbeit hatte ihm viel Befriedigung geschenkt. Jeden Tag war er froh gewesen, den Anwaltsberuf aufgegeben zu haben. Erst hier in der Klinik, mit dem Schicksalsgenossen Otto seinem Ende ent- gegen spielend, schmerzte der Preis, den er für seinen Einsatz für die Unterdrückten und Zukurzgekommenen ge- zahlt hatte. Gerne hätte er eine eigene Familie gehabt, seine Kinder aufwachsen sehen.