Das alte Mächenbuch

Im Wald, abseits des Dorfes, lag ein kleines Holzhaus.

Die große, behagliche Wohnküche nahm die ganze Breitseite des Hauses ein. Der Herd und die Anrichte an der Schmalseite des Zimmers lagen im Dunkeln. Im Licht des prasselnden Kaminfeuers und der tiefhängenden Lampe über dem Esstisch lag der Wohnbereich der Küche. Der Tisch und die zwei Stühle waren näher an die Eckbank herangerückt worden, um Platz für ein Bett zu schaffen. Fast verborgen unter dem großen Federbett lag ein kleines Mädchen mit fiebrig glänzenden Augen und glühenden Wangen. Ihre blonden Locken waren an Stirn und Schläfen schweißnass. Auf einem kleinen Tisch neben dem Bett stand eine Flasche Wasser und ein halbvolles Glas sowie eine Schale mit Apfelsinen und Äpfeln.

Im Schaukelstuhl neben dem Bett saß eine weißhaarige, füllige Frau in einem dunklen Kleid mit einem weißen Einsteckkragen über dem sie eine rotkarierte Schürze trug.

„Oma, bitte, hol dein dickes Buch. Lies mir noch einmal die Geschichte von dem Schwan vor“.

„Ja, gleich, Marie. Erst musst du noch etwas trinken“.

Sie richtete ihre Enkelin in den Kissen auf und reichte ihr das Wasserglas.

„Ich mag aber nicht mehr“.

„Komm, versuch noch einmal einen Schluck zu trinken. Du willst doch auch, das das Fieber verschwindet“.

„Aber dann lies du mir vor“.

„Natürlich lese ich dir vor“.

Nachdem sie das Glas auf den Tisch zurückgestellt hatte, ging sie zu einem Regal neben dem Kamin. Auf dem mittleren Bord stand ein Buch mit einem leicht abgewetzten Einband. Mit diesem und ihrer Lesebrille kehrte sie zu ihrem Schaukelstuhl zurück. Die Buchseiten mit der altdeutschen Schrift, die sie als Kind gelernt hatte, knisterten beim Aufschlagen. Vom vielen Lesen waren einige Seiten eingerissen und die Ecken teilweise geknickt. Mit klarer Stimme begann die Großmutter vorzulesen.


Der blaue Schwan

Es war einmal ein junger Schwan mit blauem Gefieder. Er lebte auf einem See, der von Hügeln umgeben war. Am Ufer des Sees wuchs dichtes, grünes Schilf. Der Schwan war traurig, weil er immer alleine war. Die anderen Schwäne, die wie er auf dem See lebten, wollten nichts mit ihm zu tun haben. Immer, wenn er zu ihnen schwamm und freundlich versuchte, ein Gespräch zu beginnen, wandten sie sich ab. Sie neckten und verspotteten ihn.

„Igitt, was hast du mit deinen Federn gemacht?“

„Färbt das?“

„Oh, ich kann gar nicht hinsehen. Geh mir aus den Augen!“

Mit jedem missglückten Versuch, mit den anderen Schwänen zu reden, wurde der blaue Schwan trauriger. Er verkroch sich im Schilf, um nicht mehr gesehen und geneckt zu werden. Er fühlte sich klein, hässlich und elend. Sein größter Wunsch war es, genauso schöne weiße Federn zu haben wie die anderen. Er wollte mit ihnen zusammen sein, zu ihnen gehören.

„Es ist schrecklich, immer so allein zu sein. Mit niemandem reden zu können. Keinen Freund zu haben. Oh, könnte ich doch nur wie die anderen sein“, dachte er immer wieder.

Er verkroch sich immer tiefer im Schilf und grübelte tagelang, was er machen könnte, um ein weißes Federkleid zu bekommen. Er versuchte,  seine Federn zu waschen und zu schrubben. Aber die Federn wurden nicht weiß. So viel er auch nachdachte, er fand keine Lösung.

Da hörte er eines Nachts im Traum eine Stimme, die zu ihm sprach:

„Deine Federn haben eine andere Farbe, denn du bist etwas Besonderes. Du kannst stolz auf dich sein. Du musst dich nicht verändern. Sei wie du bist“.

Am nächsten Morgen erwachte der Schwan hoffnungsvoller und freudiger als jemals zuvor. Er glaubte, einen Engel oder eine gute Fee gehört zu haben und sagte immer wieder zu sich selber:

„Du bist etwas ganz Besonderes“.

Dazu versuchte er, stolz seinen Kopf zu heben und seine Federn aufzustellen. In den nächsten Tagen übte er in seinem Versteck die neue Haltung so lange, bis sie ihm mühelos und selbstverständlich gelang. Erst dann wagte er sich aus seinem Versteck, um auf den See hinaus zu schwimmen. Als er sich den anderen Schwänen näherte, spürte er wieder die alte Angst vor ihren Beschimpfungen. Beschwörend sagte er zu sich:

„Du bist etwas ganz Besonderes“.

So gelang es ihm, ohne Angst, stolz und majestätisch auf seine Artgenossen zu zu schwimmen. Freundlich grüßte er :

 „Guten Morgen“.

Erstaunt sahen sie auf. Sie erkannten ihn fast nicht wieder, so verändert wirkte er und ließen ihn wortlos herankommen. Noch einmal sagte er freundlich:

„Guten Morgen“.

Nun erwiderten sie seinen Gruß, drängten heran und umringten ihn voller Bewunderung.

Der blaue Schwan genoss ihre Aufmerksamkeit und den Respekt, den sie ihm entgegenbrachten. Plötzlich waren alle nett und freundlich zu ihm. Sie wollten sich mit ihm unterhalten und in seiner Nähe sein.  Er genoss es, so unverhofft im Mittelpunkt zu stehen und  fühlte sich wohl, wie noch nie. Endlich hatte er sein Ziel, dazu zugehören,  erreicht. Der Tag verging wie im Flug und in der Dämmerung suchten alle sich einen gemeinsamen Schlafplatz.

Er blieb viele Tage bei der Gruppe, denn er war jetzt einer von ihnen. Zuerst war er einfach froh und zufrieden, sein Ziel erreicht zu haben und fügte sich den Regeln, ordnete sich unter. Mit der Zeit merkte er jedoch, er war nicht so glücklich, wie er es sich in seinen Träumen vorgestellt hatte. Er hatte keine ruhige Minute mehr, denn er war nie mehr allein. Er konnte nicht selbst entscheiden, was er machen wollte. Es war schön, Gesellschaft zu haben, Gespräche führen zu können, aber um die Gemeinschaft genießen zu können, brauchte er auch Zeit für sich. Erst jetzt spürte er, wie wichtig es war, Zeit und Ruhe zu haben, um seinen eigenen Gedanken nachhängen zu können. Er brauchte beides, Zeit für sich und den Kontakt zu den anderen Schwänen. Er beschloss, sein Leben wieder selber in die Hand zu nehmen. Er fühlte sich stark genug, denn er wusste, wichtig war, dass er von sich selber gut dachte, mit sich im Einklang war, dann brauchte er keine Angst vor den Reaktionen der anderen zu haben. Er wurde von ihnen akzeptiert, wie er war und plötzlich konnte er frei wählen zwischen Alleinsein und Gesellschaft. Nun war er wirklich glücklich. Zum Abschied sagte er:

„Es war schön bei euch und ich komme euch bestimmt öfter besuchen. Aber jetzt muss ich mal wieder eine Zeitlang alleine umher schwimmen“.

Mit der Gewissheit, zurückkehren zu können, wenn er es wünschte, schwamm er ruhig und zufrieden davon. Jetzt musste er sich nicht mehr aufplustern und stolz den Kopf recken. Jetzt konnte er einfach, er selber sein. Die Farbe seiner Federn spielte keine Rolle mehr. Während er über das Wasser glitt, dachte er:

"Ich bin in Ordnung, so wie ich bin. Ich brauche keine Angst zu haben, kann allein sein, wenn ich will oder zu den anderen zurückkehren. Ganz so, wie ich es möchte. So ist das Leben schön“.

Die letzten Worte verhallten. Langsam tauche Marie wieder aus ihrer Versunkenheit auf. Sie hatte so gefesselt gelauscht, dass sie beim Atmen die Schmerzen in der Brust gar nicht mehr gespürt hatte. Jetzt waren sie wieder da.
„Lies weiter, Oma. Bitte. Bitte!“ „Nein, Marie, jetzt nicht. Es ist schon spät. Ich muss uns etwas zum Abendessen machen. Aber vor dem Schlafen lese ich dir noch eine Geschichte vor."