Späte Gedanken

Adalbert war in die Jahre gekommen, und es hatten sich auch schon einige eher lästige Behinderungen oder Beschränkungen eingestellt, die wohl zum Älterwerden gehören, und von denen kaum ein Mensch verschont bleibt. Aber er tröstete sich mit dem Gedanken, dass es das Schicksal bisher vergleichsweise gut mit ihm gemeint hatte. Blickte er wachen Auges um sich, sah er manches, was ihm bisher erspart geblieben war.

Vielen seines Alters ging es im Vergleich zu ihm wirklich schlecht, und etliche, die ihn so manches Jahr auf dem Weg durchs Leben begleitet hatten, waren inzwischen verstorben. Und das waren nicht immer nur Menschen gewesen, die früher als er geboren waren.

Bei alledem hatte er die Freude am Leben nicht verloren und freute sich über jeden Tag, den er erleben durfte. Wenn er morgens erwachte, hielt er die Augen erst noch einige Augenblicke geschlossen, um sich daran zu erinnern, dass auch dieser Tag ein Geschenk war, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Keine von ihnen würde wiederkehren, keine konnte er festhalten, um sie zu bewahren, er konnte sie nur leben und für sich mit Sinn füllen. Ein Sinn konnte auch darin liegen, ganz ruhig und gelassen auf der Bank am Waldrand zu sitzen, den Blick über das Land schweifen zu lassen, den herben Geruch der frischgepflügten Äcker bewusst wahrzunehmen und seinen Gedanken nachzugehen. Auch das war keine verlorene, keine vertane Zeit, sondern er hatte sie für sich sinnvoll genutzt.   

Aber so war er nicht immer gewesen. In jungen Jahren war er stets darum besorgt, nichts Wichtiges zu versäumen, und hetzte von Termin zu Termin, von einem Ereignis zum nächsten. Dabei war er nie in der Lage, das Schöne und Liebenswerte in sich und um sich herum überhaupt wahrzunehmen. Und wenn er verzweifelt versuchte, seine Ängste zum Schweigen zu bringen, indem er sich ohne Maß und Ziel mit Wein oder anderen Alkoholika zuschüttete, verrannen die Tage und Nächte noch rascher, noch quälender, und nur ein schaler Geschmack im Mund, penetrante Übelkeit und rasende Kopfschmerzen blieben zurück.

Es brauchte mehr als ein Ereignis, bis Adalbert endlich begriff, dass die meisten Dinge, die so wichtig scheinen, in Wirklichkeit eher schillernden Seifenblasen gleichen, die zerplatzen, wenn man sie berührt. Und mit Erschrecken erfasste er die Tatsache, dass alles auf dieser Erde endlich und zerbrechlich ist, auch die Erde selbst.

Seit einigen Jahren genoss er den Ruhestand, die tägliche Berufsfron war nur noch verblassende Erinnerung, und er ging sein Leben nun ohne Hast und zunehmend geduldiger an. Dennoch langweilte er sich selten. Endlich fand er Zeit und Muße, sich den Büchern zu widmen, die er im Laufe der Jahre aus Interesse erstanden hatte. Um sie zu lesen, hatte ihm aber immer die Zeit gefehlt. Auch seinen anderen Liebhabereien konnte er sich nun ausführlicher widmen. Manchmal erstaunte es ihn, wie rasch sein Terminkalender sich immer wieder füllte, und er musste sogar aufpassen, dass er sich einerseits nicht zu viel vornahm und andererseits keine Veranstaltung und kein Treffen versäumte.

Eigentlich hätte Adalbert mit seinem Leben ganz zufrieden sein können, abgesehen von der Tatsache, dass es eines Tages enden würde. Dabei hatte er inzwischen erkannt, dass dieses Ende für manche Menschen auch eine Erlösung bedeutete.

Aber in ihm rumorte es, er war unruhig, reagierte oft gereizt und wusste doch nicht recht, was die Ursache war. Wusste er es wirklich nicht, oder wollte er es sich nur nicht eingestehen? All die Jahre hatte er die Erinnerung daran verdrängt, und er wollte sich damit nicht auseinandersetzen. So konnte er das, was ihn immer noch umtrieb, nicht abschließen und hinter sich lassen.

Jetzt, im Alter, gingen seine Gedanken zurück in eine Zeit, die schon sehr lange zurücklag. Damals, in seiner Jugend, war er schwärmerisch in eine jüngere Frau verliebt, die ihn voller Hingabe liebte, und der er alles bedeutete. Sie war unerfahren, hatte sich noch keinem Mann hingegeben und mochte auch nicht leichtfertig mit ihren Gefühlen umgehen. Sie tastete sich langsam, Schritt für Schritt, auf ihn zu und war sich ihrer Weiblichkeit noch nicht sicher. Aber sie wusste, dass es ihr ernst war mit ihm und nicht nur eine eitle Spielerei.

Er jedoch ließ die Augen schweifen, kein schmachtender oder scheinbar bedeutsamer weiblicher Blick entging ihm. Er spielte den sicheren, selbstbewussten und erfahrenen Mann, der er gerne gewesen wäre. Im Grunde suchte er nach Bestätigung und Anerkennung und war schwankend in seinen Gedanken und Gefühlen.

Und als sich ihm die erhoffte Gelegenheit bot, nahm er sie wahr und kostete sie voll aus, um sich danach ernüchtert und enttäuscht wiederzufinden. Alles war wie in einem Rausch gewesen, so wie er sich das intime Zusammensein vorgestellt hatte, und seine Gespielin äußerte sich begeistert über seine Kraft und Ausdauer, wollte ihn auch gern wiedersehen. Aber er fühlte, dass da etwas falsch war, und dass etwas ganz Entscheidendes fehlte, um vollkommen sein zu können. Irgendwann ahnte er, was es war: Es fehlte die Zuneigung, das liebevolle, leidenschaftliche Gefühl füreinander, der Wille, den anderen Menschen froh und glücklich zu machen. Er merkte es und war gleichzeitig erstaunt darüber, dass es ihm bewusst wurde. Rein technisch gesehen, hatten sie guten Sex gehabt, sehr guten Sex sogar, aber das war wohl doch nicht alles.

Als er weiter nachdachte, erkannte er bestürzt, dass er sich den Weg zu der Frau, die ihn von Herzen liebte, für immer verbaut hatte. Es ging gar nicht darum, ob sie oder was sie von seinen Eskapaden erfahren würde. Das Entscheidende war, dass er es wusste, dass dieses Wissen immer zwischen ihnen stehen würde. Nie könnte er ihr  wirklich nahe kommen, weil er selbst in sich eine unüberwindbare Sperre aufgebaut hatte. Er würde ihr nie mehr vertrauen können, nicht weil sie ihn hintergangen hätte, sondern weil er wusste, dass er es getan hatte. Das Vertrauen zwischen ihnen war zerbrochen, noch ehe es wirklich hatte heranwachsen können.

Langsam, ganz vorsichtig zog er sich von der jungen Frau zurück, die sich sein Verhalten nicht erklären konnte. Ihr die Wahrheit einzugestehen, war er zu feige, und er redete sich deshalb ein, dass er sie nicht noch mehr verletzen wollte.

Was ihn heute nach so vielen Jahren immer noch umtrieb, war nicht die Schuld, die er auf sich geladen hatte; das konnte er sich mit seiner jugendlichen Unerfahrenheit und Unsicherheit erklären und auch entschuldigen.

Aber noch in seinen späten Jahren ließ ihm die eine Frage keine Ruhe: Hätte ihre Beziehung eine Zukunft haben können, wenn er ihr gegenüber ehrlich und offen gewesen wäre? Hätte sie ihm verzeihen und ihn lieben können?

Noch eine andere Frage trieb ihn um: Was hatte ihm Angela damals bedeutet? Hatte er sie wirklich geliebt, oder war das nur eine schwärmerische Verliebtheit gewesen?  Vielleicht schmeichelte es auch nur seiner Eitelkeit, von ihr angehimmelt zu werden?

Wenn er sie noch einmal wiedersehen könnte, würde er gewiss klarer sehen. Dann würde er wissen, ob sie ihm auch heute noch etwas bedeutete oder ob er sich von Illusionen narren ließ.

Aber schon kurz darauf war er sich gar nicht mehr sicher, ob das wirklich so eine gute Idee wäre, und ließ alles in der Schwebe – wie bisher.

 

 25.11.2014