Nacht der Entscheidung

Die Szene erinnerte Max an einen der zahlreichen Historienfilme, die er in seinem Leben gesehen hatte: Der Marktplatz einer mittelalterlichen Stadt, umgeben von vornehmeren Bürgerhäusern, dem steinernen Rathaus und der ihm gegenüber gelegenen, zweitürmigen Stadtkirche. In der Mitte des kopfsteingepflasterten Platzes ragte der furchterregende, hölzerne Aufbau des Blutgerüstes über die Köpfe der sensationslüsternen Menge, die die Richtstätte dichtgedrängt umstand. Wie es üblich war an den Gerichtstagen, wurde das Urteil sogleich vor aller Augen vollstreckt, und es gab immer etwas zu sehen. Der Verurteilte wurde herangeführt, kniete vor dem Richtklotz nieder, und bevor er den Kopf senkte, blickte er noch einmal fragend zum Scharfrichter auf, der in seiner roten Robe drohend vor ihm stand. Dessen Gesicht war verhüllt, nur dunkle Augen blickten eher gleichgültig auf das Opfer. Ein letzter Funke von Hoffnung erlosch im Antlitz des Delinquenten, und ergeben neigte er sein Haupt.

Der Henker griff hinter sich und zog das gewaltige Richtbeil unter den Lumpen hervor, die es bisher vor den Blicken aller verborgen hatten. Er erfasste es mit beiden Händen, suchte einen sicheren Stand und erhob das Beil hoch über seinen Kopf empor. Einen Augenblick später würde er es mit ganzer Kraft zielgenau herab sausen lassen und den Kopf vom Rumpf trennen.

Die Sicht der Dinge verschob sich: War Max bisher ein unbeteiligter Zuschauer gewesen, nahm er im nächsten Augenblick den Vorgang mit den Augen des Scharfrichters wahr. Er spürte das Gewicht der messerscharfen Axt in den zum Schlag erhobenen Armen, sah den entblößten Hals des Verurteilten vor sich und wusste, dass er töten würde. Der vor ihm Kniende hatte den Tod verdient, das Gericht hatte ihn nach Recht und Gesetz zur Rechenschaft gezogen und für schuldig befunden, und der Henker führte lediglich dieses Urteil aus. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass er tätig wurde, und noch nie hatte er dabei Skrupel empfunden. Er vollzog nur den Urteilsspruch, den andere zu verantworten hatten, die das Richteramt bekleideten und gebildeter waren als er. Aber er konnte den Blick nicht vergessen, mit dem jener zu ihm aufgesehen hatte.  

Schweißgebadet wachte er aus seinen Albträumen auf. Lange dauerte es, bis er sich beruhigte und wieder einschlafen konnte, und als ihn morgens um sechs Uhr der Wecker hochjagte, fühlte er sich müde und ausgelaugt.

Max Kliemann war Inhaber eines mittelständischen, metallverarbeitenden Betriebes im Umkreis einer größeren Stadt, der recht und schlecht über die Runden kam. Manche seiner Mitarbeiter waren schon bei seinem Vater beschäftigt gewesen und hatten mit ihrer Fachkompetenz dem Unternehmen den guten Ruf erworben, den es heute noch besaß. Doch die Zeiten hatten sich geändert, die Aufträge sprudelten nicht mehr so zahlreich, die Konkurrenz war größer und aggressiver geworden, und er musste wirklich mit spitzem Stift rechnen. Um über die Runden zu kommen, konnte er sich keine Sentimentalitäten mehr leisten. Er musste einen kühlen Kopf behalten, wenn Kliemann Metallform GmbH und Co KG überleben sollte.

Heute Morgen stand ihm eine äußerst unangenehme Aufgabe bevor: Er musste einem verdienten Mitarbeiter sein Kündigungsschreiben aushändigen. So etwas wurde in seinem Betrieb nicht anonym per Post zugestellt, das erledigte der Chef selber.

Gerd Baumann hatte zusammen mit ihm in der Firma gelernt. Er erinnerte sich noch genau an die erfolgreich durchgestandene Lehre und Gesellenprüfung und auch daran, wie Gerd zusammen mit ihm die Meisterkurse der IHK besucht hatte, die dieser, wie er neidlos zugestehen musste, sogar mit einer besseren Note als er beendet hatte. An dem Abend hatten sie mal so richtig einen drauf gemacht, und der Alte und Gerds Eltern freuten sich von Herzen über den Erfolg der beiden. Das Leben ging weiter: Sie beide lernten fast zur gleichen Zeit ihre späteren Frauen kennen, und bald danach gründeten sie ihre Familien. Die Verbindung hielt, auch als sich der Alte zurück zog und der Sohn die Leitung des Betriebes übernahm. Er wusste, er konnte sich hundertprozentig auf Gerd verlassen. Wenn er außerhalb des Betriebes um Aufträge kämpfte, lief in der Firma alles wie gewohnt weiter. Gerd hielt ihm den Rücken frei und sorgte mit seiner Fachkompetenz und absoluten Zuverlässigkeit dafür, dass die Vorrichtungen und anderen Werkstücke fristgerecht und in verlangter Qualität an die Kunden ausgeliefert werden konnten. Das ging natürlich nicht ohne Überstunden ab, aber das Gehalt stimmte, und schon bald konnte die wachsende Familie daran denken, ein eigenes Haus zu bauen. Manchmal bedauerte Gerd es zwar, dass er nicht mehr Zeit für Frau und Kinder aufbringen konnte, aber er tröstete sich ein wenig mit der Gewissheit, dass er gut für sie sorgen konnte.

Vor zwei Jahren hatte Gerd dann einen Schicksalsschlag hinnehmen müssen, von dem er sich bis heute nicht erholt hatte: Bei seiner Frau wurde Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt und - wie meist bei dieser Krankheitsform - erst, als es schon zu spät zu einer wirksamen Hilfe war. Zwar waren die Kinder inzwischen aus dem Gröbsten heraus und konnten schon ganz gut allein zurechtkommen, aber Gerd vermisste seine Frau unsäglich. Mit ihrer ruhigen und ausgleichenden Art hatte sie seinen beruflichen Einsatz erst möglich gemacht, für ein Zuhause gesorgt, in das er gerne heimkam, und sich immer die Zeit genommen, um ihm zuzuhören und mit ihm zu sprechen, wenn er ihren Rat und Zuspruch benötigte. Er hatte das Gefühl, in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen zu sein, aus dem es kein Entrinnen gab. Die Freunde, allen voran Max Kliemann und seine Frau, kümmerten sich rührend um ihn, doch nichts konnte ihn trösten, nichts den Verlust ertragen helfen.

Irgendwann wirkte sich das auch auf seine Arbeit aus. Die Fehler nahmen zu, Kunden beschwerten sich zunehmend über nichteingehaltene Termine, und erste Aufträge brachen weg. Max überlegte, wie er Gerd zumindest vorübergehend entlasten könne, aber der wehrte sich mit Händen und Füßen gegen diese „Demontage“ und versprach Besserung. „Ich kriege das schon wieder in den Griff. Wir haben doch bisher erfolgreich zusammen gearbeitet, das wird auch weiter möglich sein. Ich reiße mich schon zusammen, das verspreche ich dir.“ Aber die Probleme wurden nicht geringer, und Max wurde den Verdacht nicht los, dass sein alter Kumpel vermehrt zur Flasche griff.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als selber einen Teil der Verantwortung für die Produktion zu übernehmen, und Gerd einen jüngeren, vielversprechenden Techniker zur Seite zu stellen. Als es dann öfters dazu kam, dass Gerd mit Alkoholfahne und verspätet zur Arbeit erschien, war Max‘ Geduld irgendwann erschöpft: Er führte noch einmal ein längeres, eindringliches Gespräch mit Gerd und stellte ihm wenig später eine schriftliche Abmahnung zu. Das enge Verhältnis zwischen beiden hatte tiefe Risse bekommen, die nicht mehr zu übersehen waren.

In der Folgezeit nahm die Fahrt in den Abgrund an Geschwindigkeit zu, und heute Morgen würde er Gerd die Kündigung überreichen müssen. Er würde sich nicht darum drücken und einen anderen vorschicken, dazu kannten sie sich zu lange. Er war überzeugt, dass sie sich trennen müssten, bevor noch mehr Schaden angerichtet würde. Vielleicht hätte Gerd noch eine Chance gehabt, wenn er sich ärztliche Hilfe geholt hätte. Auch jetzt wäre bestimmt noch etwas zu retten, wenn Gerd es denn nur wollte. Aber Max hatte die Verantwortung für das Gedeihen des Betriebes und eine Familie, für die er sorgen musste.

Nun war es soweit: Gerd stand vor ihm mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, denn er wusste, was nun geschehen würde. Er hatte Angst davor und auch vor dem, was danach auf ihn zukommen würde. Er sagte kein Wort, denn er wusste, wie lange Max diesen Schritt hinausgezögert hatte, und auch, dass er alles Recht dazu hatte. Dann hob er den Blick, um den Urteilsspruch entgegen zu nehmen.

Als Max die traurigen Augen in dem grauen, abgemagerten Gesicht seines Freundes sah, die sich auf ihn richteten, war schlagartig alles wieder gegenwärtig: Er spürte die Schwere der messerscharfen Axt in den zum Schlag erhobenen Armen, sah den entblößten Hals des Verurteilten vor sich auf dem Richtblock und wusste, dass er töten würde.


22.05.2009