In der Falle

Nach zwanzig Jahren war er ihrer überdrüssig geworden! Es gab nichts wirklich Wichtiges, was er anklagend gegen sie hätte vorbringen können, eigentlich gab es gar nichts. Weder war sie schlampig geworden, noch hatte sie sich aus Frust gerundet. Sie war schlank und grazil wie ehedem! Er dagegen hatte schon sichtbar Jahresringe zugelegt  und war ein wenig kurzatmig geworden. Und selbst frühmorgens, wenn sie ihn sanft, aber nachhaltig weckte, sah er sie niemals mit Lockenwicklern im Haar, sondern stets korrekt angekleidet und gepflegt - wie aus dem Ei gepellt.

Wie machte sie das nur? Es war ihm ein immerwährendes Rätsel. Bei ihm dagegen kam es schon einmal vor, dass er mürrisch und mundfaul am gefällig und reichhaltig gedeckten Frühstückstisch hockte und nur in Ruhe gelassen werden wollte, oder dass er am Abend nach getaner Arbeit müde und schlecht gelaunt  in den ehelichen Hafen einlief.

Sie schien alles mit Gleichmut zu ertragen, immer begegnete sie ihm freundlich und entgegenkommend, so wie er es von ihr erwartete. Auch die in wöchentlichem Rhythmus  stattfindenden ehelichen Gymnastikübungen absolvierte sie stets pflichtgemäß und ohne Murren. Er konnte sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass sich ihre Begeisterung über seine noch immer vorhandene männliche Potenz in Grenzen hielt. Ein wenig mehr Bewunderung hätte er – auch in Hinblick auf das inzwischen fortgeschrittene Lebensalter – schon verdient. Ihre Reaktion konnte man mit Fug und Recht als „lau“ bezeichnen.

Ansonsten durfte er sich nicht beklagen. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie einige Male zaghaft versucht, ihre unausgegorenen Vorstellungen von Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung mit ihm zu diskutieren. Aber diesen Zahn hatte er ihr entschieden und nachhaltig gezogen, und fürderhin gab es keine weiteren Probleme mehr, sie verhielt sich ausgesprochen „pflegeleicht“.

Einmal noch, als die Kinder ausblieben (- an ihm lag es doch wirklich nicht! -), hatte sie von „wieder berufstätig werden“ und „unter Menschen gehen“ gefaselt. Dazu war es nie gekommen: Er hatte sie auf die unterhaltsamen und lehrreichen Kurse der Volkshochschule verwiesen. Da konnte sie genügend Menschen treffen und außerdem viel Nützliches lernen. „Meine Frau wird nicht arbeiten gehen, das kommt nicht in Frage, das haben wir doch nicht nötig! Ich müsste mich doch vor meinen Kollegen genieren, wenn sie erfahren, dass meine Frau noch Geld dazu verdienen muss!“, hatte er mit Nachdruck erklärt. Und damit war die Angelegenheit ein für alle Mal vom Tisch. Was sie nun für Kurse belegte, da machte er ihr keine Vorschriften, das konnte sie doch frei entscheiden! Und außerdem, so sehr interessierte ihn dieses Thema auch nicht.

Von der Zeit an lief seine Ehe ohne weitere Betriebsstörungen, er konnte sich nicht beklagen. Doch der Reiz des Neuen hält keine zwanzig Jahre an, und, wie gesagt, vermisste er inzwischen ein wenig die rechte Begeisterung bei der Dame. Alles war zu Alltag und Routine geworden, er sehnte sich nach Abwechslung.

Aber was sollte er tun, um sie loszuwerden? Ein Schulfreund, inzwischen wohlsituierter Rechtsanwalt und Notar, den er ins Vertrauen gezogen hatte, riet ihm von einer Scheidungsklage ab: „Was willst Du denn vor Gericht vorbringen, ohne dich lächerlich zu machen? Und außerdem musst du damit rechnen, dass die Hälfte all dessen, was du in diesen zwanzig Jahren aufgebaut und erworben hast, an deine Frau geht. Von den saftigen Unterhaltszahlungen wollen wir erst gar nicht reden. Das bricht dir glatt das Genick! Warum suchst du dir nicht ein junges, hübsches Täubchen für nebenher? Das tun doch alle, und am Geld wird’s bei dir doch nicht scheitern. Das überzeugt die Weiber, vor allem die jungen, doch immer!“

Aber das war es nicht, was er anstrebte. Etwas Neues, Junges, Hübsches sollte es schon sein, aber letztendlich doch in einer geordneten Zweierbeziehung! Chaos war ihm einfach zuwider, und Stress und Verrenkungen waren für sein Alter auch nichts mehr. Aber der juristische Freund hatte Recht mit seinen Bedenken, Scheidung kam für ihn wirklich nicht in Frage. Doch loswerden wollte und musste er sie, das war klar! Er kam ins Grübeln, schob den aufkeimenden Einfall zuerst weit von sich, doch irgendwann ließ ihn der Gedanke an ihr schwaches Herz nicht mehr zur Ruhe kommen. Das war die Lösung seiner Probleme, da könnte er den Hebel ansetzen.

Was wäre hier zu unternehmen? Er war ein Mensch, der stets sichergehen wollte, immer nach dem Sprichwort: „Doppelt hält besser!“ Seit einem leichten Herzanfall vor drei Jahren musste sie regelmäßig Tabletten einnehmen. Der Arzt hatte sie eindringlich darauf hingewiesen, dass sie nie mehr als die vorgeschriebene Anzahl und auch nur in der verordneten Konzentration einnehmen dürfe. Sie müsse sich strikt daran halten, sonst könnte es zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen kommen. Bei diesem Einfall lächelte er zufrieden; er kannte einen Weg, wie er auch ohne Rezept an stärkere Tabletten gelangen konnte. Dann kramte er in seinem Gedächtnis nach den physikalischen Grundkenntnissen aus der Schulzeit und wurde rasch fündig: Schon elektrische Ströme von 50 mA führten zu Muskelverkrampfungen und konnten auch bei gesunden Menschen zum Tode führen. Da wird doch was zu machen sein! Ein durchgescheuertes Kabel etwa, das rein zufällig irgendwelche Metallteile in der Küche, im Bad oder im Keller berührt, ein Handgriff, ein Schrei, der ungehört verhallt, und dann wäre er endlich, endlich wieder frei...

Entgegen ihren sonstigen Geflogenheiten verabschiedete sich seine, immer noch reizend anzusehende Frau am folgenden Morgen besonders liebevoll von ihm: Ein zarter Kuss auf den Mund, dann wünschte sie ihm eine gute Fahrt!

Ihre eindrucksvolle Villa lag auf einem Plateau hoch über der Stadt. Von dort aus konnten sie eine wunderschöne Aussicht auf den Ort und die hügelige, leicht bewaldete Landschaft dahinter genießen. Gutgelaunt startete er den Wagen und nahm Fahrt auf. Die Straße schlängelte sich in engen Serpentinen den Berg hinunter. Als sich der Wagen ein wenig zu sehr beschleunigte, wollte er wie gewohnt leicht abbremsen und in den nächstniedrigen Gang herunterschalten.

Zuerst verstand er nicht, was geschah, als er ins Leere trat, keinen Widerstand fand und das Auto immer schneller die Straße hinabraste. Als es dann krachend die Leitplanken durchbrach und ungebremst den Abhang hinunterstürzte, durchzuckte ihn der Gedanke, dass er sich doch darum hätte kümmern sollen, welche Kurse seine Frau bei der VHS belegt hatte.


27.04.2007

 

Nachwort:

Man sollte nicht glauben, wie erfinderisch Menschen sein bzw. werden können, wenn es darum geht, den ungeliebten Ehegatten ins Jenseits zu befördern! Mir scheint fast, mancher Hörer lebte beim Vorlesen dieser Geschichte geheime Fantasien aus. Mir wurde unter anderem geraten, sich der sogenannten „besseren Hälfte“ mit Hilfe in einem Mörser fein zerstoßenen Glases, das in einen leckeren Kuchen eingebacken würde, zu entledigen. Das sei nicht ohne weiteres erkennbar. Ein anderer altgedienter Ehegatte machte mich bei der Besichtigung des „Herkules“ in Kassel auf die unverantwortlich niedrigen Balustraden aufmerksam: Wie leicht könnte da ein Mensch zu Schaden kommen. Man brauche gar nicht viel nachzuhelfen, ein ganz kleiner Schubs würde schon ausreichen. Und anderer Vorschläge mehr! Das gab mir doch schon sehr zu denken!