Im Dunkel

Erschöpft und wie zerschlagen schleppte sich Alfred die Treppenstufen bis zu seiner Wohnung hinauf. War das heute ein mörderischer Tag gewesen! Das fing schon am frühen Morgen damit an, dass er das intensive Röhren des Weckers einfach überhörte und erst durch ein wiederholtes Signal – das wievielte eigentlich? – hochgeschreckt wurde. Normalerweise erwachte er dank seiner inneren Uhr kurz vor diesem nervtötenden Alarm. Doch so ging es gleich mit Hetzerei und Katzenwäsche los, und das beschauliche Frühstück samt Zeitungslektüre musste er auf morgen früh verschieben. Mit Ach und Krach kam er nach noch nächtlicher Fahrt in Eis und Schnee  halbwegs pünktlich an seinem Arbeitsplatz an. Die Kollegen waren bereits alle anwesend und grinsten ihm schadenfroh entgegen. „Und das ihm, der sonst immer so auf Pünktlichkeit und Korrektheit besteht! Schön, dass es den auch mal erwischt!“. Er konnte ihre hämischen Gedanken förmlich hören. So ging das den ganzen Tag weiter: Nur Ärger, nicht enden wollender Termindruck und stetige Hetze ohne einen Augenblick des  Atemholens. Natürlich wurde es auch wieder später als vorgesehen, bis er endlich heimfahren konnte, im Schneegestöber wie schon die Tage zuvor, nach einem Zuhause, das ihn in seiner Eintönigkeit und Freudlosigkeit auch nicht gerade mit Macht anzog. Niemand erwartete ihn dort: Vor vierzehn Tagen war Angelika nach mehr als zwei Jahren frustriert aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Ihre Beziehung war – man könnte mit Recht sagen: aus Mangel an Gelegenheiten – sang- und klanglos eingeschlafen. 

Als er sich seinem Wohnviertel näherte, hatte es zwar aufgehört zu schneien, aber er fand alles in tiefster Dunkelheit: Die Straßenlaternen waren erloschen, die Schaufenster der benachbarten Geschäfte ebenfalls tiefschwarz, und auch aus den Fenstern der Wohnungen drang kein Lichtschimmer nach draußen. Die schmale Sichel des neuen Mondes ließ die Umrisse der Häuser nur in einem schemenhaften Grau erahnen. Fluchend schlug er die Autotür zu und tastete sich vorsichtig zur Haustür vor. Jetzt noch so kurz vor dem Ziel auszurutschen und sich die Knochen zu brechen, das hätte diesen Tag wirklich abgerundet. Aber darauf war er nicht scharf.

Im Treppenhaus erwartete ihn ebenfalls tiefste Schwärze: Der Druck auf den Knopf für das Flurlicht blieb erfolglos, und der Aufzug war natürlich auch außer Betrieb. So machte er sich - innerlich hadernd - auf den Weg, um sich Schritt für Schritt zum sechsten Stock empor zu arbeiten.  

Nach einer Ewigkeit, - wie ihm schien -, hatte er endlich sein Ziel erreicht und befühlte den Knauf seiner Wohnungstür und das Schloss darunter. Der Schlüssel ließ sich zwar einführen, als er ihn aber drehen wollte, klemmte er. Das fehlte ihm gerade noch zu seinem Glück! Alfred lehnte sich nochmals etwas kräftiger gegen die Tür, da gab sie glücklicherweise doch nach und ließ ihn eintreten. Der instinktive Griff zum Lichtschalter blieb vergeblich, und so tastete er sich vorsichtig vom Flur zum Wohnzimmer vorwärts. Irgendwo musste hier doch der Leuchter mit den Kerzen stehen, die aus romantischeren Tagen übrig geblieben waren, oder hatte er die in seinem Ärger etwa bereits entsorgt? Sein Suchen im nahezu lichtlosen Raum blieb erfolglos. Da erspürten seine Finger eine Streichholzschachtel, in der einige Zündhölzer jene Lichterzeit überlebt hatten. Unsicher riss er eines an. Es flackerte kurz auf, so dass er seine nächste Umgebung in grauen Umrissen erkennen konnte. Eine hastige, ungeschickte Bewegung mit der Hand, - und es erlosch wieder. Er durfte nicht zu verschwenderisch damit umgehen, denn sein Vorrat reichte nicht allzu weit.

Alfred überlegte, was zu tun wäre. Schon in wenigen Stunden war die Nacht zu Ende, und er müsste von neuem seiner beruflichen Tätigkeit nachgehen. Vielleicht sollte er sich einmal so richtig gehen lassen und blaumachen. Doch das war noch nie seine Art gewesen, auch wenn er heute eine gewisse Verlockung dazu verspürte. Also sollte er zusehen, dass er ins Bett und zur Ruhe kam.

Als er die Tür zum Schlafzimmer öffnete, hörte er tiefe, ruhige Atemzüge, die ihn ein wenig froh machten, aber auch zutiefst verunsicherten. Sollte Angelika es sich doch anders überlegt haben und zu ihm zurück gekehrt sein? Er wäre froh darüber gewesen, denn er liebte seine gewohnte Ordnung.

Zartfühlend zog er sich ins Wohnzimmer zurück und richtete sich die Couch provisorisch als Nachtasyl her. Wie hätte er es über sich bringen und Angelika aus ihrem sicherlich verdienten Schlummer reißen können? Mit einem Lächeln um die Mundwinkel versank er rasch in erschöpften Schlaf.

Alfred wurde davon wach, dass er eine warme und zärtliche Berührung spürte. Jemand erkundete mit vorsichtiger Geduld das ausgedehnte Gebiet seines unbekleideten Körpers. Längere Zeit verweilten die forschend tastenden Fingerspitzen auf seinem Gesicht, zeichneten feinfühlig jeden Schwung, jede Einkerbung nach, streichelten verspielt Arme und Schultern, verweilten kurz bei den sich versteifenden Brustwarzen, um sich dann über seinen Bauch liebevoll, aber zielbewusst den tiefer gelegenen Regionen zuzuwenden.

Alfred war eigentlich ausgelaugt, zutiefst erschöpft, dennoch spürte er, wie sein Geschlecht anschwoll, sich prall mit Blut gefüllt steil aufrichtete und voller Verlangen erzitterte. Er spürte die Wärme eines jungen und zarten Körpers, der sich ihm entgegen drängte, um ihn ganz in sich aufzunehmen. Sie verschmolzen miteinander, und er vergaß alles, was er je gewollt hatte. 

Als er wieder zum Nachdenken kam, spürte er sie in seinen Arm gekuschelt, ganz ruhig atmend, und er verhielt sich so still wie möglich, um ihren Schlaf nicht zu stören. Tief atmete er ihren Duft ein, so berauschend, wie er ihn noch nie in seinem Leben hatte erfahren dürfen.

Als Alfred erwachte, war sie aus seinem Arm heraus auf ihre rechte Seite gerollt und schlief völlig entspannt neben ihm. Noch einmal sog er hingebungsvoll und mit Genuss das natürliche Parfüm ihres Leibes in sich ein und fühlte sich reich beschenkt. 

Er drückte den Knopf seiner Armbanduhr und sah, es war Zeit, um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Im Unternehmen hatte er für den Fall aller Fälle Kleidung zum Wechseln deponiert und auch die Möglichkeit, sich frisch zu machen. Vorsichtig stand er auf und tastete sich zu seinen Sachen, die er ruhig wieder anzog.

Dabei berührte er die Schachtel mit den Streichhölzern. - Einen Augenblick hielt er zögernd inne. Doch dann wandte er sich entschlossen zum Flur, öffnete vorsichtig die Wohnungstür und zog sie so leise wie möglich hinter sich ins Schloss.

23.02.2010