Ein Traum

Seit er erwacht war, wurde er das ungute Gefühl nicht los: Heute war irgendetwas verändert, anders als gewohnt. Aber so sehr er sich auch bemühte, er kam nicht weiter, fand keine Erklärung.

Aber er war sich ganz sicher, er irrte sich nicht, er hatte Recht mit diesem Gefühl......

Vielleicht waren das aber auch nur die Nachwirkungen des gestrigen Abends: Wieder einmal hatte er viel zu spät, viel zu viel und viel zu fett gegessen. Kein Wunder also ! Na ja, und  ins Glas hatte er auch nicht gerade gespuckt, um es vorsichtig auszudrücken. Mensch, brummte ihm vielleicht der Schädel!  Ja, wenn man in so netter Gesellschaft ist, schmeckt alles noch einmal so gut. Und ein Ende hatten sie erst finden können, nachdem die letzte Flasche Rotspon vernichtet war.

Der Arzt hatte zwar schon manches Mal bedenklich mit dem Kopf geschüttelt, wenn er seine Blutwerte bei der jährlichen Untersuchung zu Gesicht bekam. Aber was soll’s, man gönnt sich ja sonst nichts, und wer weiß, wie lange man es noch genießen kann.

Jetzt erinnerte er sich auch wieder an diesen verrückten Traum der letzten Nacht, - kein Wunder nach dem Gelage!  Nach und nach, erst in Bruchstücken, dann immer deutlicher tauchten die einzelnen Episoden seines Traumes wieder auf in sein Bewusstsein:

Er hatte geträumt, er hätte in der Nacht einen Schlaganfall erlitten. Er sah noch ganz deutlich das verstörte Gesicht seiner Frau vor sich und hörte den Notarzt beruhigend auf sie einreden. Nein, nicht beruhigend, eher tröstend: “Denken Sie doch daran, so hat er gar nicht leiden müssen“ und was er sonst noch für Plattitüden von sich gab.   Na ja, der macht eben auch nur seinen Job.

Doch der Traum ging noch weiter...

Er sah ganz deutlich, wie er von fremden Leuten gewaschen, angekleidet und in einen Sarg gelegt wurde,  - so deutlich, als sei er wirklich dabei gewesen!  Den nächsten Akt des Dramas, die Trauerfeier in der Kirche, konnte er nicht mehr so richtig zusammen bekommen, aber an die Orgelmusik und an die frommen Sprüche erinnerte er sich ganz klar.

Ja, und dann hörte er, wie die Erdbrocken auf den Sarg polterten, so deutlich, als hätte er selbst im Sarg gelegen.  – Also, als spaßig kann man das beim besten Willen nicht mehr bezeichnen!

Wirklich ein dämlicher Traum, dachte er, aber kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.

Beim nächsten Mal würde er sich bestimmt ein wenig mehr zurück halten!

Aber seltsam ist das schon, dass es heute Morgen überhaupt nicht hell werden will, ging ihm durch den Kopf, und er fühlte, wie ihm das Luftholen immer schwerer fiel.


01.08.2005