Der Schritt

Der erste Herbststurm dieses Jahres hatte die Nacht über getobt. Im Wäldchen nahe dem Ort hatte er ohne Nachsicht gewütet und alles Morsche und Kranke von den Bäumen gefegt. Armdicke Äste lagen zerschmettert am Boden, und der ruhig vorwärts Schreitende musste sich mühsam seinen Weg bahnen. Der altvertraute, oft beschrittene Pfad war durch umgestürzte Bäume versperrt, übermannshohe Wurzelballen waren aus der Erde gerissen worden und lagen nackt und bloß vor den Augen des Betrachters. Andere Bäume waren im Fallen aufgehalten worden und stützten sich mit letzter Kraft auf ihre Nachbarn. Jeder Windstoß war von einem Scharren und Ächzen der aneinander reibenden Stämme und Äste begleitet.

Doch all dies konnte den tief in Gedanken Versunkenen kaum erreichen. Er hatte es sich zur Gewohnheit werden lassen, den Tag mit einem Gang durch den Wald zu beginnen. Hier kam er zur Ruhe, konnte seine Gedanken schweifen lassen, ohne eine Störung befürchten zu müssen, und staunte und freute sich jeden Tag von neuem über all das, was er auf seinem Spaziergang wahrnahm.

Heute morgen jedoch war er blind für seine Umgebung. Der Sturm der letzten Nacht hatte auch sein Innerstes aufgewühlt und ihm Erinnerungen ins Bewusstsein gewirbelt, die er schon vor langer Zeit hatte vergessen wollen und die er tief und fest in sich verschlossen gehalten hatte. Alles stand ihm wieder vor Augen wie vor Jahren, als ihn jene schlimmen Ereignisse fast zerbrochen hätten. Fast unbewusst, ohne seine Überlegungen zu unterbrechen, umging er die Hindernisse auf seinem Weg. Der längst überwunden geglaubte Schmerz und die Verwirrung jener Tage waren wieder ganz nah, die mühsam aufrecht erhaltene Mauer des Vergessens im Sturm der Nacht zerbrochen. Er spürte in sich Verzweiflung emporsteigen - wie damals, und die Sehnsucht , all diesem ein unumkehrbares Ende zu machen, näherte sich ihm unaufhaltsam. Ob er heute wieder die Kraft haben würde, die Last der Vergangenheit mit einer gewaltigen Anstrengung in die bodenlose Schwärze des Vergessens zu schleudern? Er hatte es zu jener Zeit nicht über sich bringen können, Hand an sich zu legen, der Mut oder die Verzweiflung hatten nicht ausgereicht. Sein Wille zu überleben war offenbar übermächtig: Er hatte sich ans Leben geklammert  und das Erinnern mit letzter Kraft zurückgedrängt. Nun sah er die Bilder wieder in sich aufsteigen, spürte erneut seine Ängste und seine Schmerzen, als sei alle Zeit wie weggewischt, als sei alles gerade eben erst geschehen. Und er fühlte in sich die Sehnsucht zurückkehren, zur Ruhe zu kommen, endlich seinen inneren Frieden zu erreichen. Würde er heute den Mut finden, um das zu vollenden, was er vor Jahren nicht geschafft  hatte?

Ein Krachen und Splittern rissen ihn aus seinem Grübeln. Den Aufprall des Astes vernahm er nicht mehr.

               

23.04.06 / 27.04.06