Die Hochzeitsreise

Es war in den ersten Septembertagen 2005. Ein starker Westwind wehte über das Meer und trieb die schäumenden Wogen auf das Land zu. Das Schiff schaukelte über die Wel­len vor der wildzerklüfteten Küste Norwegens. Gegen Abend wurde der Wind heftiger. Er brüllte und tobte und ließ die Wellen sich auf­türmen, peitschte Woge um Woge heran, als ob sich ein wildes Tier auf sein Opfer stürzte. „Wie schön ist das Meer im Sturm", sagte die Frau zu ihrem Mann und sah dabei in die gurgelnden Fluten. Die Reise mit dem Luxusliner hatten sie sich gegenseitig zum 50. Hochzeitstag geschenkt.

Sie saßen auf dem 15. Deck, dem Sonnendeck, an der Bar, tranken einen Aperitif vor dem Abendessen und hörten Musik aus Peer Gynt vom Band.

„Eine seltsame Stimmung ist das hier heute Abend", sagte der Mann zur Frau und be­trachtete nachdenklich die asiatischen Schiffsjungen und die Stuarts, denn diese lächelten nicht mehr. Ihre Gesichter wirkten versteinert, und ängstlich gingen ihre Blicke zum Him­mel.

Der heftige Seegang brachte die Gläser auf der Bartheke zum Rutschen. Schnell trank das Paar noch den Campari und verließ das Sonnendeck. Das Schiff bewegte sich jetzt in einem gleichmäßigen Rhythmus auf und ab. Im gleichen Rhythmus taumelten beide über Treppen und Flure. Die Frau dachte an den flammend roten Kussmund, der groß über den ganzen Bug des Schiffes aufgemalt war, und der ihr, als sie in Kiel an Bord gingen, frivol und leichtsinnig entgegengelächelt hatte. Jetzt wurde er von gewaltigen Brechern geschla­gen.-

Im Speisesaal hielten sich viel weniger Passagiere auf als an den vorangegangenen Abenden. Der Fensterplatz, der ihnen gestern den Blick in eine große Tiefe bot und sie weit über die leicht gekräuselte Wasserfläche sehen ließ, war heute zum Albtraum geworden, denn die Wellenberge schlugen bis über das siebente Deck hinauf, und die Wassermas­sen vor den Fensterscheiben gaben ihnen das Gefühl, als würden sie durch ein riesiges Aquarium schaukeln.

Kellner und Köche waren bemüht, ihre wunderbaren Speisen zu servieren und dabei ihre gewohnte Haltung und Freundlichkeit zu wahren, nur Appetit hatten die Gäste heute nicht. "Achtung, Achtung, verehrte Gäste, hier spricht ihr Kapitän", ertönte über Lautsprecher die Stimme über sämtliche Decks hinweg, „wir werden sehr bald in einen orkanartigen Sturm gelangen bei einer Windstärke von 11 bis 12. Sie sind sicher auf diesem Schiff. Bitte, ge­hen Sie in ihre Kabinen und bewahren Sie Ruhe. Achten Sie auf weitere Mitteilungen!" Das war kurz und knapp die Bekanntgabe einer gefahrvollen Situation. Jetzt schwieg auch die Musik, die zuvor noch eine beruhigende Wirkung auf manche Gemüter hatte. Es war inzwischen Nacht geworden. Auch auf dem Schiff wurde es dunkel. Das Licht im Speisesaal erlosch, nachdem ein gewaltiger Stoß das Schiff attackiert hatte. Wie aus ei­nem einzigen Mund schallte der Aufschrei der Passagiere durch den Saal, verband sich mit dem Geräusch von berstendem Geschirr. Als es schon bald danach wieder Strom gab, wurde das ganze Chaos sichtbar, überstrahlt von den riesigen Kristallleuchtern, die sich wie ein Uhrpendel hin- und herbewegten. Am Boden des Speisesaales lagen zersplitterte Gläser und Teller, Bestecke und Flaschen, vermischt mit dem köstlichen Abendessen wie Salaten, Gemüse, Hühnerbeinen, Fleischstücken aller Art. Dazwischen lag der umgekipp­te Servierwagen, auf dem Schüsseln mit Pudding, Eis und Obstsalat gestanden hatten. Rot- und Weißwein aus den Karaffen hatte sich darüber ergossen. Vereinzelt lagen auch Passagiere am Boden, soweit sie sich nicht gegenseitig hielten oder sich an den veranker­ten Tischen festklammerten. Sprachloses Entsetzen spiegelte sich auf den Gesichtern des Paares, und die Frau ergriff unruhig die Hand ihres Mannes.

Gegen Mitternacht hatte der Sturm noch zugenommen und brüllte dem Schiff von Norden her entgegen, so dass es frontal zu den sich türmenden Wellen fahren musste. Immer wenn eine dieser Megawellen heranrollte, richtete sich der Ozeanriese, mit dem Bug vor­an, in seiner ganzen Größe auf, um sich wie ein aufbäumendes Pferd dem Feind entge­genzuwerfen. Danach sank das Schiff, wieder mit dem Bug voran, in das sich bildende Wellental hinab. Die Gewalt der Wassermassen und die des Sturmes ließen den ganzen Schiffsrumpf erzittern, und der Meeresriese schüttelte sich mit heftigen Bewegungen von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück. Gleichzeitig rutschte alles auf dem Boden Liegende vom Bug zum Heck. Das Schiff ächzte und stöhnte und rollte gegen die schwere See. Panik hatte alle Passagiere erfasst. Viele begannen hysterisch zu schreien, krochen herum, manche beteten.

Der Mann und die Frau saßen sich gegenüber am Esstisch und hielten sich über den Tisch hinweg an den Händen fest. Sie wussten, dass in der Kabine, in einem Schrank ver­staut, die Schwimmwesten lagen. Erst gestern am Nachmittag hatten sie zusammen mit der Crew und den anderen 2000 Passagieren das Verhalten in Seenot geübt und - sich gegenseitig neckend - beim Anlegen der Schwimmwesten über ihr Aussehen amüsiert. Sie wussten aber auch, dass es in diesem tobenden Meer keine Rettung geben konnte. Nach endlos erscheinenden Stunden saßen sie noch allein im großen Speisesaal. Kein Wort hatten sie miteinander gesprochen, sich nur stumm angesehen. Durch einen einzi­gen wissenden Blick in die Augen des anderen und ein kaum merkbares Kopfnicken von beiden hatten sie sich ohne Worte verstanden und damit eingewilligt in das, was kommen würde: den Tod ohne Gegenwehr anzunehmen. Niemals in ihrem langen Zusammenleben waren sie sich so nahe gewesen, wie in diesem Augenblick. Gegen vier Uhr am Morgen legte sich der Sturm ebenso schnell, wie er gekommen war.