Käfer im Baum

Jeder kennt sie. VW-Käfer auf dem Dach eines Autohauses. Oder halbe Käfer, die aus einer Wand herauszuschießen scheinen, wenn sie von vorne zu sehen sind, umgeben von gemalten, auseinanderspritzenden Ziegelsteinen. Oder halbe Käfer von hinten, die in einer Wand verschwinden. Von einem Käfer handelt auch die folgende Geschichte.

Vor ziemlich genau dreißig Jahren hatte ich meinen letzten gebrauchten VW-Käfer – ich hatte mehrere von ihnen – wohl über einem Schössling, also einem kleinen Baum, abgestellt. Genauer gesagt, über einer kleinen Moorbirke. Neulich erinnerte ich mich an mein studentisches Fahrzeug und suchte den Ort auf, an dem ich es abgestellt hatte. Wie war ich überrascht, als ich mein Auto in zwanzig Meter Höhe in der Baumkrone sah und eher von unten gegen die Bodengruppe und die Räder schaute. Von der Karosserie waren einiger Rost und ein bisschen himmelblauer Lack zu sehen. Die Moorbirke wächst im Jahr zwischen 50 und 80 Zentimeter.

Ich überlegte. Ich hatte mein ganzes Schlüsselbund für den Käfer dabei. Für das Türschloss, für die Zündung und für die – Luxus – abschließbare Motorhaube. Hatte mein Herbie – wer erinnert sich noch an die Filme „Ein toller Käfer“ von 1968 bis „Ein toller Käfer startet durch“ von 2005 – die letzten dreißig Jahre, allein gelassen von mir, auf einem Baum, Wind und Wetter getrotzt und war womöglich noch fahrbereit? Nur, wie sollte ich das herausfinden? Der Film-Herbie hatte eine eigene Persönlichkeit, er konnte selbst fahren, sogar Wände hoch und wieder herunter. Meiner konnte das nicht. Und heute arbeitet die Automobilindustrie an Fahrzeugen, die sich selbstständig im Straßenverkehr ohne Fahrer bewegen können. Bei meinem Käfer, der keinen Namen hatte, war es besser, im Winter, bei Minusgraden, jeden Abend die Batterie auszubauen und mit in die Wohnung zu nehmen und sie morgens wieder unter der Rückbank einzubauen. Ich vermutete, dass zumindest die Batterie bei meinem Käfer in der Baumkrone wohl nicht mehr funktionstüchtig wäre. Und man müsste wahrscheinlich den Luftdruck in den Reifen prüfen. Aber sonst?!

Und während ich so nachdachte, wie es weitergehen könnte und dem Wispern der Birke zuhörte, wenn ein zarter Windstoß durch ihre Blätter fuhr, kam ein Rappe, (ein Hengst,) Mähne, Schweif und Fell rabenschwarz, von der nahegelegenen Koppel auf mich zu. Ich hatte meinen Käfer damals, vor über dreißig Jahren etwas abseits von Bissendorf abgestellt. Er sagte zu mir: „Ich bin ein Dschinn und augenblicklich in Pferdegestalt. Eigentlich bestehe ich aus reinem Feuer ohne Rauch, und ich kann dir drei Wünsche erfüllen. Sonst mache ich das nur, wenn mich ein Mensch aus einer Flasche befreit. Aber heute habe ich gute Laune und möchte dir etwas Gutes tun. Und du siehst sympathisch aus.“ Er hatte einen leichten arabischen Akzent und war vielleicht ein Flüchtling aus Seehofers Kontingentsforderung. Ich war einigermaßen überrascht, besonders auch durch die Konfrontation mit der Möglichkeit, mir drei Dinge zu wünschen. Man kann sich leicht vertun, also leicht verwünschen. Es gibt Märchen, die das belegen. Was war naheliegender, mir zu wünschen, dass der Dschinn – wie hieß er eigentlich? – mir meinen Käfer vom Baum holte.

Ein Nachbar hatte mir einmal, als unsere schwarze Katze noch jung war, seine lange Leiter geborgt, und ich war mit zittrigen Knien in die wahrscheinlich zehn Meter hohe Krone eines Birnbaums gestiegen, um das kläglich miauende Kätzchen wieder herunterzuholen. Wie das hier gehen sollte, war mir unklar.

„Ich habe mich noch nicht vorgestellt“, sagte der Dschinn. „Ich bin der große Zumurrud aus einem der ältesten Dschinn-Geschlechter. Zumurrud ist arabisch und bedeutet „Smaragd“. Einige aus meiner Familie führen uns sogar auf Luzifer, den gefallenen Engel zurück.“ Er ruckte mit dem schönen großen, schwarz glänzenden Pferdekopf. „Normalerweise ist unsere Welt durch einen Schleier von der euren getrennt. – Und du schreibst kleine Fantasiegeschichten und dein Schönstes ist es, sie anderen vorzulesen.“ Er war gut informiert. „Was hältst du davon, wenn du in Erfüllung meines ersten Wunsches mein altes Auto von diesem Baum holst“, sagte ich zu Zumurrud und deutete mit dem Zeigefinger nach oben auf den verwitterten VW in der Baumkrone der Moorbirke. „Nichts einfacher als das!“ erwiderte der Dschinn mit leicht ironisch klingender Stimme. Zumurrud lächelte. Das schwarze Pferd zerfloss in einer Wolke aus Purpurrot. Das Purpur strömte und dehnte sich aus, es stieg in die Höhe und bildete aus sich heraus eine rote Riesenfaust, die sich hoch über mir öffnete. 5 oder 6 Meter lange, kräftige Zeige-, Mittel-, Ring- und kleiner Finger und ein wuchtiger Daumen umschlossen meinen himmelblauen Käfer und rissen ungestüm an ihm, linke und rechte Seite umfassend. Es krachte und knackte im Baum, größere Äste fuhren in die Höhe. Kleinere Zweige und Blätter spritzten und stoben auseinander und regneten zu Boden. Die purpurne Geisterhand zerrte und zurrte am Auto, bis der Baum endlich aufgab und es quietschend, seufzend und schleifend freigab/fahren ließ, während sich die Sonne mehrere Augenblicke lang verdunkelte. Ich war wie gelähmt. Niemand würde mir glauben, und doch hatte ich es mit eigenen Augen gesehen. Die Faust fuhr mit ihrem Inhalt nieder und setzte das Auto krachend auf dem überforderten Heideboden ab. Eine Schar kleinerer Vögel flatterte entsetzt auf und eine Krähengruppe schlug heftig Alarm.

Nun ja, mein Auto sah schon ein bisschen traurig aus. Die Reifen waren platt, die charakteristischen Kotflügel waren rostig und löchrig, das Dach hatte teilweise sein Himmelblau eingebüßt und die weiße Grundierung schlug durch. Die Scheiben hatten einen Algenüberzug in mattem Mittelgrün. Ich zerrte an der Beifahrertür, die sich schließlich, ächzend wie das Schlosstor in „Dornröschen“, öffnen ließ. Auf der Rückbank lagen eine vergilbte „Konkret“, das linke Magazin damals, Herausgeber Hermann L. Gremliza, eine „Emma“ und eine „Courage“, die alle drei die Jahre zwar wellig und ausgeblichen, aber passabel überstanden hatten. Im Handschuhfach fand ich eine angebrochene Schachtel „Ernte 23“ und eine seit dreißig Jahren abgelaufene Packung Präservative. Am Boden lagen leere Verpackungen von Schokoriegeln, die es heute gar nicht mehr gibt. Im Fußraum vor der Rückbank lag ein angebrochener Sixpack Lindener Bier. Das sah mir jetzt wie eine Reise in meine persönliche Vergangenheit aus. Ich überlegte. Der Dschinn hatte wieder seine Pferdegestalt angenommen, unspektakulär, wie es schien, oder ich war abgelenkt durch meine Wiederbegegnung mit meinem alten Auto. Drei Wünsche – drei Wünsche, ging es mir gebetsmühlenartig durch den Kopf.

 Okay! Mein zweiter Wunsch sollte sein, dass der Dschinn meinen Käfer fahrbereit und TÜV fertig machen sollte. Ich wandte mich um und schaute in das kluge Pferdegesicht. Zumurrud zeigte die gelben, großen Zähne und sprach wie selbstverständlich: „Ich hatte es erwartet!“ Wieder ging eine magische Verwandlung an ihm vor. Doch dieses Mal verwandelte er sich in eine smaragdgrüne Aktivitätswolke um mein Auto, so dass man es gar nicht mehr sehen konnte. Es surrte und summte und zischte. Von Zeit zu Zeit sah man Funken sprühen, dann roch es nach Lack und Benzin. Wieder und wieder waren nie vernommene Geräusche zu hören. Nach vielleicht drei Minuten lichtete sich die grüne Wolke, und mein himmelblauer VW-Käfer stand vor mir wie gerade vom Band in Wolfsburg gelaufen. Die Sonne spiegelte sich im Lack, die Reifen prall und schwarz wie Lakritze. Die Scheiben glänzten, die gültigen Kennzeichen mit dem großen H für „historisches Fahrzeug“ versehen. Auf der Rückbank lagen säuberlich geordnet die vormals im Fahrzeug verstreuten Gegenstände. „Meine Güte, Zumurrud, danke“, entfuhr es mir, und er lächelte zufrieden, „persönliche Bestzeit!“ „Meinen dritten Wunsch teile ich dir ein anderes Mal mit“, sagte ich zu ihm. Gib mir deine Email-Adresse!“ Ich hatte mich auf den Fahrersitz gesetzt, die Scheibe heruntergekurbelt, rief noch einmal Dankesworte, ließ den Motor an, der erfreut auf typische, luftgekühlte VW-Käferart schnatterte, legte den ersten Gang ein und fuhr davon. Zumurrud hob und senkte grüßend das Pferdehaupt und schleuderte den Schweif.

Noch heute wird in interessierten Kreisen darüber diskutiert, ob es sich um eine wahre Geschichte oder um Erfindung handelt.