Illegal

Ilona, Günter und ich

Plötzlich standen sie vor meiner Tür, die Schabrackentapirkuh Ilona und der Koboldmaki Günter. Sie hatten den Tag der offenen Tür des hiesigen Zoos genutzt und waren in einem unbeobachteten Moment getürmt. Erst war Günter auf Ilona geritten, dann hatten die beiden die Linie 14 genommen. Sie waren ausgestiegen, die General-Uhlhorst-Straße entlang gelaufen und hatten wenig Aufmerksamkeit erregt. Günter hatte die Nummer 15 gesehen, seine Lieblingszahl, die Rückennummer von Argentiniens Stürmerstar Garibaldi, war auf Ilonas Rücken geklettert und hatte aufs Geratewohl auf meinen Klingelknopf gedrückt. Sie hätten genauso gut bei Charlene Hühnerbein klingeln können oder bei Herbert „Herbie“ Steinmeier oder bei fünf anderen Mietparteien. Vielleicht war die Lage meiner Klingel besonders geeignet für Günters kleine Hand. Ich hatte den Summer gedrückt. Ich hatte merkwürdig klappernde Geräusche im Treppenhaus gehört – Schabrackentapire gehören zu den Unpaarhufern – und dann standen sie nebeneinander vor meiner Wohnungstür und sagten erst mal nichts. Günter mit seinen großen Augen, Ilona mit ihrer weichen, rüsselförmigen Schnauze und ihrer wie eine weiße Pferdedecke wirkenden Rückenpartie. Günter sprach als erster. Er hatte die Stimme des kleinen David Bennent als „Oskarchen“ in der Verfilmung von Günter Grass‘ Blechtrommel-Verfilmung: hoch, kehlig und ein bisschen manieriert. „Haben Sie eine Bleibe für zwei arme gefolterte Zootiere?“ Er hatte einen leicht osteuropäischen Akzent. „Ich musste Grimassen schneiden vor pöbelndem Zoopublikum.“ „Und ich musste auf die Streichelwiese und dem Pfleger zu Willen sein“, lispelte die Schabrackentapirkuh leise und erinnerte mich an die Sängerin von „Silbermond“ oder Katrin Bauerfeind. Ein Schabrackentapir und ein Koboldmaki vor meiner Wohnungstür. Ich hatte weder LSD noch Crystal Meth genommen. Wenn ich mich selbst charakterisieren sollte: Ich bin schreckhaft, ein Schisser und ein Hypochonder und mit mir wäre kein Krieg zu beginnen, geschweige denn, zu gewinnen. Schon die Yogafigur „Krieger“ finde ich anstrengend, und sie macht mir Angst. Mir klopfte das Herz bis zum Hals,  mein Mund war trocken geworden. Ich krächzte: „Kommt rein!“ Jetzt standen sie im Flur. Günter sah mich unverwandt aus seinen untertassengroßen, dunkel glänzenden Augen an: „Ich bin der Günter“, krähte er, „und ich die Ilona“, lispelte die Tapirkuh und schnupperte/schmeckte die abgestandene Wohnungsluft. „Du solltest mal lüften!“, fügte sie hinzu.

„Kommt doch durch, es ist aber nicht aufgeräumt.“ „Mach dir keine Umstände. Wir sind nur etwas hungrig und durstig. Den halben Tag haben wir noch nix gehabt.“ Günter war der Wortführer. Im Gemüsefach meines alten stromfressenden Boschkühlschranks gab es noch schrumpelige Möhren. Die bot ich Ilona an, die schließlich, wie ich meinte, eher aus Höflichkeit an den Rüben herum nibbelte. Günter bekam die Mango, die ich mir eigentlich als Belohnung aufgehoben hatte, wenn ich endlich mal wieder etwas richtig hin bekäme.

Nachdem meine tierischen Gäste ihre kleine Mahlzeit gesittet eingenommen hatten, stellte ich Ilona einen Eimer frischen Wassers hin, den sie mit ihrem kurzen Rüssel in Nullkommanix ausgesaugt hatte. Günter hatte ich einen Kaffeebecher mit Wasser gereicht. Er umschloss den Becherrand mit seinen schmalen, schwarzen Lippen und trank ihn in einem Zug leer. Er setzte den Becher ab und las den aufgedruckten Spruch nachdenklich, halblaut und langsam vor: „Wir sind hier nicht auf der Flucht!“ „Gottseidank!“ Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich seiner kleinen Brust. Er hatte den Spruch ganz wörtlich genommen und nicht als Parole einer trägen Büromannschaft, die fürchtete, sich zu überarbeiten. Ich hatte den Becher mal in einem unbeobachteten Augenblick im Arbeitsamt geklaut.

„Wie soll’s denn jetzt weiter geh’n?“, fragte ich das ungleiche Pärchen. „Wir dachten, du lässt uns bei dir übernachten!“, sprachen sie wie aus einem Mund. Die Zweistimmigkeit klang interessant.

In der Wohnung über uns hatte Herbie Steinmeier, Student der Soziologie und Politikwissenschaften im 83. Semester, seine Jimi Hendrix Langspielplatte „Are You Experienced“ von 1967 aufgelegt, und man konnte das Gitarren-Intro von „Purple Haze“ gut durch die Decke hören. Ilona bewegte sich rhythmisch auf ihren im Vergleich zum plumpen Körper relativ dünnen Beinen zu der kraftvollen Musik aus dem dritten Stock. Günter schien eher erschrocken. Ich fragte den Koboldmaki, was er denn so für Musik höre. Günter antwortete, dass er Schuberts Klaviersonaten gern möge. Und natürlich Beethoven- Klaviersonaten. Und er lasse als Interpreten gelten: Alfred Brendel, Glenn Gould, Sviatoslav Richter, Artur Schnabel, Friedrich Gulda, Christian Zacharias. Das wär’s aber schon. Ich fragte mich, wo er diesen erlesenen Musikgeschmack erworben haben könnte. Hendrix war bei „Hey Joe“ angekommen. Ich sah, dass sich Günter mit dem Basslauf anfreunden konnte, unisono mit Hendrix‘ Stratocaster.

Ilona bat mich, meinen Computer benutzen zu dürfen. Sie wollte mit ihrer Tante Bandaraneike auf Sumatra skypen. Sie verzog sich mit kleinen Schritten ins Nebenzimmer und ich hörte, wie sie auf tapirisch in Knurr- und Quietschlauten mit ihrer Tante sprach. Ich verstand nur, wie sie  mehrere Male Zoo und KZ sagte. Tapire können schlecht sehen; deswegen stand Ilona sehr nahe an der Webcam. Auf dem Bildschirm konnte ich einen etwas verknautschten Tapir sehen und im Hintergrund war Dschungel, grüne Hölle. Ich hatte ihr aus Neugier ein bisschen hinterher spioniert.

Als ich zurückkam, zappte Günter sich mit der Remote Controle vor meinem Flachbildfernseher mit Affengeschwindigkeit durch die Programme und blieb auf Arte hängen. Die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle spielten Schuberts Symphonie Nr. 8 „Die Unvollendete“. In seinen großen runden Augen schimmerten Tränen. Er war tief bewegt.

Es war Zeit, ins Bett zu gehen. Ilona erledigte ihre Hygiene in der Badewanne, und Günter, der kleine Koboldmaki setzte sich gleich in mein Waschbecken. Es war ein langer Tag gewesen. Die Schabrackentapirdame suchte sich ein Eckchen und schlief im Stehen ein. Manchmal schnaufte sie leise. Günter hatte ein Plätzchen auf dem alten Sofa gefunden und gab kleine Grunzlaute von sich. Ich hatte das Licht gelöscht und mich aufs Bett gelegt. „Gute Nacht“ flüsterte ich in die Dunkelheit. Draußen näherte sich ein Martinshorn und entfernte sich wieder. Noch lange beobachtete ich die flackernden Lichter der späten Autoscheinwerfer, wie sie über die Zimmerdecke huschten. Schlaflos lag ich auf meiner Matratze und überlegte, wie das noch alles enden sollte. Ich hatte die beiden doch schon ein bisschen lieb gewonnen. Und ich dachte an Charlene Hühnerbein, die bildschöne Friseuse, die auch im dritten Stock wohnte, gegenüber von Herbie Steinmeier. Schließlich fiel ich in einen leichten Schlaf, der immer wieder von Träumen begleitet war. Ich befand mich im grünen Dämmerlicht des Dschungels von Sumatra. Merkwürdige Tierstimmen drangen an mein Ohr. Exotische Vögel stimmten ein höllisches Pfeifkonzert an. Ein Komodo-Waran glitt neben mir durchs Unterholz. Über mir schwang sich ein Orang-Utan von Baumkrone zu Baumkrone. Dann veränderte sich die Szenerie völlig. Ich saß in einem Frisiersalon. Ich genoss, wie Charlene mir mit einem Spezialkamm durch mein dichtes, dunkles Haar fuhr.               

Ich erwachte von einem Mordslärm, der aus der Küche zu kommen schien. Töpfe schlugen gegen Töpfe, das Wasser rauschte aus dem Hahn in die Spüle, Schranktüren wurden geöffnet und wieder geschlossen. Ich schaute zum Fenster: Der Tag war gerade angebrochen, ein zartes Rot breitete sich über dem östlichen Himmel aus. Ich schlüpfte in meine gefilzten Pantoffeln und eilte in die Küche. Günter versuchte, Frühstück zu machen. Ich half ihm. Ich schnitt Stullen ab von dem Gersterbrot, das ich gestern erst gekauft hatte. Ich setzte Wasser auf, um Eier zu kochen und stellte Marmelade, Butter, Teller und Tassen auf den großen Küchentisch. Dann machte ich mich daran, die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. Mit einem Suppenlöffel ließ ich nacheinander drei Eier aus dem Kühlschrank in das kochende Wasser gleiten. Ich fragte den Maki, wie viele Minuten er sein Ei gekocht haben wollte. „Vier, nicht länger! Ich mag Eier“, krähte er wie der kleine David Bennent in der Blechtrommel.

Ilona kam mit verschlafenem Gesicht in die Küche und verbreitete ein wenig von ihrem Nachtgeruch. „Guten Morgen, Ilona!“ Günter freute sich, seine große Gefährtin zu sehen. Wir versammelten uns um den Frühstückstisch. Günter und ich im Sitzen – ich hatte ihm einige Kissen unter seinen kleinen Affenpo gelegt - und unsere Tapirdame konnte im Stehen essen. Da Ilona kein ganz so großes Handgeschick hatte, schmierte ich ihr ein paar Brote mit dick Marmelade und Honig und schnitt sie in kleine Stücke. Günter genoss sein Ei sehr. Als ich aufstand, um mir noch einen Kaffee aus der Kaffeemaschine zu holen, warf ich einen Blick aus dem Küchenfenster. Es war inzwischen taghell geworden, und ich konnte sehen, wie Charlene, meine schöne Charlene, mit ihrem Blondschopf das Haus verließ. Es durchschauerte mich, und immer noch hatte ich keine gute Idee, wie ich sie kennenlernen könnte. Keine billige Anmache, nein, nein. Das hätte ihr nicht gefallen. Einmal hatten wir uns im Treppenhaus miteinander bekannt gemacht. Sie erzählte mir, dass sie Friseuse bei „Hairport“, nicht Airport sei, aber im Frisiersalon „Haargenau“ gelernt habe. Ich hielt an mich, sie zu verbessern, denn politisch korrekt wäre wohl Friseurin gewesen.

Als ich Charlene nicht mehr sehen konnte, setzte ich mich wieder zu meinen Gästen. Über uns hatte Herbie, der ewige Student oder Studierende?, seine LP „Hannes Wader singt Arbeiterlieder“ aufgelegt. Man konnte fast den ganzen Text von „Auf, auf zum Kampf, zum Kampf…“ verstehen. Als Gegenprogramm, und um Herbies Musik zu übertönen, schaltete ich das Radio an. Es gab „Happy“ von Pharrell Williams, eine unglaubliche Gute-Laune-Musik.

Nach dem Frühstück beratschlagten wir, wie wir es hinkriegen könnten, mal an die frische Luft zu gehen, ohne Aufsehen zu erregen. Ich hatte eine Idee. Ilona würde, wenn man nicht zu genau hinguckte, als dicke Dogge durchgehen. Ich legte ihr eine Leine an. Für Günter hatte ich vor, einen Kinderwagen im Treppenhaus zu kidnappen, den Koboldmaki hineinzulegen und als Baby zu tarnen. Ich öffnete die Wohnungstür. Die Luft war rein. Wir arbeiteten uns leise die Treppe hinunter bis zum Flur in Parterre. Hier stand der Kinderwagen. Günter legte sich hinein, ich deckte ihn zu, und mit viel Fantasie konnte man ihn für ein Baby halten. Mit Ilona an der Leine und Günter im Buggy machte ich mich auf den Weg in den nahe gelegenen „Käthe-Strobel-Park“.

Der Käte-Strobel-Park war bevölkert von flanierenden Menschen, die ihre Hunde an zwanzig Meter langen Leinen spazieren führten. Viele der vierbeinigen Freunde waren damit beschäftigt, ungeniert krummbucklig auf den schütteren Rasen der öffentlichen Grünanlage zu koten. Günter hatte sich in seinem Kinderwagen halbhoch aufgesetzt und betrachtete verstohlen und ein bisschen entsetzt die Szene. Ich konnte das an seinen untertassengroß aufgerissenen Augen ablesen. Ich hätte das wissen müssen: die kümmerliche Camouflage eines Tapirs als großer Hund verfing nicht. Ilona konnte nicht bellen und roch auch nicht nach Hund. Urplötzlich war sie umringt von knurrenden, die Zähne fletschenden, die Lefzen hochziehenden, geifernden und in den unterschiedlichsten Höhenlagen bellenden, an ihren Leinen reißenden Hunden verschiedenster Provenienz und Rassen. In ihrer Not riss sich Ilona panisch von der improvisierten Leine los und rannte in elegantem Trab zum Teich in der Mitte des Parks und stürzte sich ins Wasser, aber nicht in suizidaler Absicht. Tapire sind ausgezeichnete Schwimmer; ihre einzige Verteidigungsstrategie gegen die heimatlichen Tiger. Die Hundemeute hatte sich heillos in einem Leinengewirr verheddert. Schrille Hundebesitzerrufe zerrissendie Frühlings-luft. „Benny, Blacky, Scooby Doo ---- Molli, Einstein, Charly, Floh ---- Shadow, Biene, Cora, Bella ---- Senta, Susi, Shannon aaaaaus!!!” Das Knurren und Bellen war von Röcheln und Fiepen abgelöst worden. Wer sich an die Hühner in Max‘ und Moritz‘ zweitem Streich erinnern kann, die sich mit Schnüren im Apfelbaum verfangen hatten, hat eine Vorstellung davon, was hier im Käte-Strobel-Park los war. Nur waren es nicht vier sondern fünfzehn Tiere, die um Luft und ihr Leben rangen. Mobiltelefone wurden gezückt. In der Einsatzzentrale der Feuerwehr liefen die Leitungen heiß. Die Einsatzleitung entschloss sich zur Entsendung von drei Rüstwagen mit Truppbesatzung. Ein Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn näherte sich dem Ort des Geschehens. Oberkommissar Gehrke verschaffte sich einen Überblick. „Wer ist der Verantwortliche?“ rief er in den Herrchen- und Frauchenpulk. Unauffällig hatte ich mich mit  dem Kinderwagen und Kobolmaki Günter auf die andere Seite des Teiches begeben und überzeugte Ilona mit beruhigenden Zurufen davon, das Wasser zu verlassen und sich uns wieder anzuschließen. Sie schüttelte sich kurz und schien okay. „Ich bin okay“, sagte sie mit sanfter Stimme. Aus sicherer Entfernung verfolgten wir das Eintreffen der Feuerwehr. Wir hörten Kommandos. „Absitzen!“ und „Hydraulikschere fertig!“ Mit der S 50-14 wurden die verhedderten Leinen und Geschirre der armen Geschöpfe getrennt; wobei die 50 für 50 mm Öffnungsweite und die 14 für 14 Tonnen oder 138 KiloNewton maximaler Schneidkraft stehen. Binnen zehn Minuten hatte sich das Menschen- und Hundeknäuel aufgelöst.

Wir drei, Günter, Ilona und ich, nahmen uns vor, unseren nächsten Ausflug anders zu organisieren. Und wer weiß, vielleicht hört man ja nächstens wieder etwas vom Dreigestirn Ilona, Günter und mir.