Illegal               

Ilona, Günter und ich - Eine tierische WG

Wir waren eine nette kleine Wohngemeinschaft geworden. Es klappte immer besser. Günter, der Koboldmaki, machte gern sauber, die Schabrackentapirdame Ilona konnte am besten von uns weinen, aus Heimweh, wegen verpasster Gelegenheiten im Leben und aus Selbstmitleid. Ich musste für die Ernährung sorgen und war der Koch. Das war nicht einfach bei meinen bescheidenen finanziellen Mitteln.

Ich hatte Pastinaken und Schwarzwurzelgemüse gekocht. „Pastinake schmeckt Kacke“, skandierte Günter. „Ich geb dir auf die Jacke“, sagte ich. Das Abendessen hatte allerdings mit meinem Verdauungssystem gemacht, dass sich meine Bettdecke blähte wie der Spinnaker eines veritablen Segelboots, und ließ mich in der Nacht nicht zur Ruhe kommen. Dafür konnte ich um halb fünf den Schöngesang der Amselmännchen, das Trompeten des Zaunkönigs und das Zilpzalp des Zilpzalps hören. In der Ferne ließ sich  zart ein Kuckuck vernehmen.

Vielleicht war es aber auch die Aufregung gewesen, die mich kaum hatte schlafen lassen, denn heute sollte ich Anna, Anna Konda, mit vollständigem Namen, aus dem Zoo schmuggeln. Sie war Ilonas und Günters Freundin. Anna wäre auch gerne ausgebrochen, so wie Günter und Ilona, hatte aber auf Grund eines Verdauungsschlummers den Zeitpunkt verpasst. Sie hatte gerade ein Kaninchen verspeist und war müde geworden. Ilona und Günter wollten ihre Freundin bei sich in Freiheit haben. Da sie sich aus verständlichen Gründen nicht trauten, in den Zoo einzudringen und Anna zu befreien und sie nachzuholen, sollte ich sie von dort entführen. Nach einigem Weigern willigte ich ein.

Ich hatte mich vorbereitet. Wir hatten Selfies auf dem Handy gemacht, Ilona, Günter und ich, als Erkennungszeichen, damit ich mich bei Anna legitimieren und meine guten Absichten beweisen konnte. Ich trug einen weiten Wettermantel, unter dem ich die Schlange verstecken konnte. Nachdem ich den Zoo für teures Geld betreten hatte, wandte ich mich dem Reptilienhaus zu, denn dort, in einem Terrarium mit Gewässer, wohnten in einer Dreier-WG Monty Python, Boa Constrictor und eben Anna Konda. Mir war mulmig, denn Anna war eine Würgeschlange, aber sie war noch ein Teenager und keine zwei Meter fünfzig lang. Nach jedem Ausatmen des Opfers zieht die Anakonda noch ein bisschen an. Die Beutetiere werden nicht zerquetscht sondern erstickt. Sie hört erst auf zu drücken, wenn sie merkt, dass der Herzschlag der künftigen Speise aufgehört hat, und schlingt sie dann mit dem Kopf zuerst hinunter. Seitdem ein weitläufiger Schlangen-Vorfahr sich im Paradies beim Schöpfer unbeliebt gemacht hatte – er hatte Eva empfohlen, eine Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen und jene hatte wiederum Adam dazu verführt – können Schlangen nicht mehr sprechen aber Buchstaben eurythmieren. Ich machte unauffällig auf mich aufmerksam, und Anna schlängelte sich auch heran. Ich zeigte ihr das Selfie. Mit ihren kalten Augen und ihren unbewegten Zügen schaute sich mich doch irgendwie sympathisch und erwartungsvoll an. „Willst du mit mir gehn? Licht und Schatten verstehn?“ fragte ich leise. „Licht und Schatten“ sagte ich natürlich nicht. Anna formte mit ihrem Körper blitzschnell ein J und ein A. Wie gesagt, eine Schlange, die Eurythmie kann. Sie kroch zielstrebig durch ein Loch in der Umfassung des Terrariums und ringelte sich um meine Taille. Ich zog den weiten Mantel darüber und wirkte noch etwas massiger mit Anna darunter als sonst. „Du darfst aber nicht drücken“, murmelte ich zu meinem Bauch herunter.

Seelenruhig, zumindest gab ich mir den Anschein, spazierte ich durch den Ausgang des Zoos in den aufgeregten Nachmittagsverkehr der großen Stadt. Ich erwischte die Straßenbahn Linie 14, die, die direkt vor meiner Haustür hält. Die Bahn war voll, und es gab keinen Sitzplatz. Ich hätte mich aber auch gar nicht hingesetzt, weil ich Anna nicht gegen den Sitz drücken wollte. Anna war unruhig unter meinem Mantel, und es sah auch ziemlich seltsam aus, wie sie sich unter dem Mantelstoff bewegte. Eine ältere, nach Mottenkugeln riechende Frau neben mir in einem Fischgrät-Mantel sah mich sehr misstrauisch an. Ich lächelte einfach zurück. An der Haltestelle General-Uhlhorst-Straße stieg ich aus und lief die letzten Meter zu unserem Mietshaus. Vor der Haustür begegnete mir Charlene Hühnerbein. „Hast du zugelegt?“, fragte sie mich mit einem recht ungenierten Blick auf meine Leibesmitte. „Ich bin so im Stress, dann esse ich immer zu viel“, gab ich mit wenig Überzeugungskraft zurück. „Aha“, ihre Blicke dazu wirkten jetzt nicht so, als wäre ich Brad Pitt. „Na dann… Schönen Feierabend noch“, murmelte ich. „Dito“, sagte Charlene. „So wird das nichts mit uns“, dachte ich, als ich mit meiner tierischen Last langsam die Stufen im Treppenhaus hinauf stapfte.

Wollt ihr wissen, wie die Wiedersehensfreude war? Groß, sehr groß. Anna knuddelte den kleinen Affen, bis er fast keine Luft mehr bekam, und mir schon angst und bange wurde. Ilona grunzte und quiekte in den verschiedensten Tonlagen und weinte viele Tapirtränen. Nur Anna hatte wegen ihrer starren Mimik und ihrer relativen Stummheit weniger Möglichkeiten, ihre Gefühle auszudrücken. Sie eurythmierte Ächz und Wow, Supi und Geil. Sie war halt ein Teenager. Und ich war froh über meine gediegenen Kenntnisse der anthroposophischen Zeichensprache, die ich in früheren Studien erworben hatte. Ich war gerührt von diesen tiefen und warmen Emotionen. Herbies Lautsprecherboxen über uns schmetterten alles untermalend Cat Stevens‘ „Oh baby, baby, it’s a wild world…“ Wir feierten ein kleines Fest. Es gab Bierchen und Käse-Cracker. Ich fragte Günter: „Und was isst Anna?“ Der kleine Maki verständigte sich mit unserer neuen Hausgenossin und sagte: „Erst mal nix. Sie hat im Zoo sehr gut gegessen.“ Wir waren vergnügt beieinander und gingen spät schlafen. Doch schon bald zogen dunkle Wolken am Horizont unserer kleinen Idylle auf.